Als in Quartino ansässiges Unternehmen standen wir vor der Wahl, für eine Baustellenbesprechung mit einem Kunden ein geeignetes Lokal zu finden. Meine damalige  Wohnung lag direkt über dem Grotto und auch die vielen positiven Bewertungen für das Grotto La Strega auf Tripadvisor überzeugten uns und so haben wir dort einen Tisch für vier Personen gebucht. Und gleich vorweg: wir haben es zu keinem Zeitpunkt bereut. Wenn man noch weiss wie gut es immer bei der Grossmutter geschmeckt hat und wie gemütlich die Atmosphäre dort immer war, wird im Grotto La Strega genau das finden. Die Schweinshaxe (Stinco di maiale) war die beste die ich jemals gegessen hatte. Köstliche Ravioli, Kaninchen (Coniglio con verdura) und Spaghetti carbonara. Einen Gaumenschmaus jedes einzelne Gericht. Ich war so überzeugt, dass ich mich spontan zu einer kleinen Geschichte über die Wirtin, die Katja, hinreissen liess. La Strega heisst ja im Deutschen „Die Hexe“ und was diese „Hexe“ so besonders macht, lesen sie in meiner kurzen Geschichte. Viel Spass beim Lesen.

Eine liebenswerte Hexe

Die Nacht war lang. Wie meistens kurz vor Weihnachten. Ein Brief dahin, schöne Grüsse dorthin und schon schreitet die Nacht voran ohne das man sich dessen bewusst wird. Am Morgen konnte ich kaum die Augen öffnen, geschweige denn mich aus dem Bett erheben. Der letzte Rettungsanker schien mir eine sofortige Tasse Kaffee zu sein und so ging ich in das Grotto direkt unter meinem Zimmer. Sitzend am Tisch senkten sich langsam meine Lider mehr und mehr und als ich meinte die Augen wieder offen zu haben, fand ich mich in einem Wald wieder…..

Das Tageslicht hatte sich bereits verabschiedet und der Mond gab sein Bestes die Nacht zu erhellen. Hier und da vermutete ich etwas durch das Dunkel huschen zu sehen. Und der Schein trügte mich nicht. Erst eine, dann zwei und dann sah ich immer mehr Hexen auf ihren fliegenden Besen durch die Nacht gleiten. Schliesslich sammelten sie sich auf einer Lichtung im Kreis um einen brodelnden Kessel in dem eine gift-grüne, stinkende Brühe vor sich hin köchelte. Ich war mir sicher ein Löffel davon würde genügen um die halbe Menschheit dahinzuraffen. Nicht mit schlotternden Hosen, aber doch mit weichen Knien bat ich inständig einen mächtigen Baumstamm um Schutz hinter seiner knorrigen Borke.

Gut ein Dutzend Hexen hatten nun einen Kreis formiert und trotz dieser geballten Ansammlung an Hexen war es ganz still. Da endlich ergriff ,wie mir scheint die Oberhexe, das Wort. Ich nenne sie mal Lucia. „Meine lieben Freundinnen, wir haben uns heute getroffen um den Ausschluss einer Hexe aus unserer Mitte zu beschliessen“ rief sie in die dunkle Nacht. „Und wie ihr bereits alle wisst, geht es um die Hexe Katja.“

Kaum hatte sie diese Worte vollendet, meldet sich schon eine Hexe aus dieser schaurigen Runde:
Die Katja kann keine Hexe sein. Hexen sind hässlich. Katja ist für eine Hexe viel zu schön.“ Sofort ging ein zustimmendes Raunen der anderen im Wald umher..
Und in der Tat. Schneewittchen könnte nicht schöner sein. Ihre lieblichen und sanften Gesichtszüge formen ein Gesicht aus dem Güte und Reinheit spricht. Ihr Lächeln ist in der Lage eine ganze Armee zu entwaffnen und ihr Haare sind so schön als hätten sie die Götter selbst gewoben.

Nun brach es auch aus den anderen heraus. „Sie ist nicht böse. Hexen müssen böse und gemein sein. Darum kann die Hexe Katja keine Hexe sein“, hörte man es aus der Runde.

Katja aber hat ein sehr freundliches und zuvorkommendes Wesen und nichts bereitet ihr mehr Freude als den Menschen helfen zu können, wann immer sie ihre Hilfe brauchen. Aufmerksam und stets gut gelaunt schreitet sie durchs Leben.

Ausserdem schmeckt den Menschen, was sie in ihren Töpfen zubereitet. Wir Hexen bereiten ekelhafte Brühen zu, die den Menschen den Magen verdirbt. Darum kann die Hexe Katja keine Hexe sein.“ hörte man als nächstes aus dem Kreis.
Wer einmal gegessen hat, was die Hexe Katja in ihrer Hexenküche zubereitet möchte diese Köstlichkeiten nicht mehr missen. Ihre Speisen umschmeicheln regelrecht den Gaumen. Frische Zutaten und gute Gewürze sind es was sie in ihren Töpfen rührt.

Und während nun die Hexen lamentierten und schimpften bemerkten sie den immer grösser werdenden, leuchten Punkt am Horizont nicht. Es war die Hexe Katja, die auf ihrem Besen anflog. Das Strahlen ihres Wesens liess sogar den Mond erblassen und als sie schliesslich inmitten des Kreises landete, tauchte sie den Wald in warmes, helles Licht.

Ohne Umschweife kam die Oberhexe Lucia gleich zum Kern: „Katja, Du weisst wieso wir uns hier getroffen haben“ krächzte sie. „Du hast ganz und gar nicht die Eigenschaften einer Hexe. Deshalb wollen wir dich aus unserem Kreise ausschliessen.“ Du bist schön, ganz und gar nicht böse und deine Speisen sind köstlich. Um eine richtige Hexe zu sein, musst Du sein wie wir. Hässlich, böse und in deinen Töpfen muss das Gift brodeln.

Da ergriff Katja das Wort. Und schon alleine der sanfte Ton ihrer Stimme schaffte es die Gemüter zu beruhigen. „Meine lieben Freundinnen. Ich verstehe euren Unmut. Aber hört meine Worte. Hexen müssen so schreckliche Wesen sein, nur weil ihr euch sagt das Hexen so sein müssen. Die Wahrheit aber entspringt einer anderen Quelle.
Stellt Euch zuhause vor den Spiegel. Betrachtet Euch von oben bis unten. Von vorne und von hinten. Geht ganz nah mit dem Gesicht ran. Und es wird nicht lange dauern bis ihr die schönen Seiten in Euch findet. Auch eine Hexe hat schöne Seiten an sich. Ihr müsst sie nur an euch entdecken und wahrnehmen. Tragt diese schönen Seiten nach aussen. Und es wird nicht lange dauern bis auch die anderen dies erkennen.“
Und meine lieben Freundinnen, nicht das Mitleiden sondern das Mitfreuen ist der Motor des Lebens. Seid aufmerksam anderen gegenüber, helft anderen und nehmt sie in den Arm wenn sie es brauchen. So bringt ihr auch Freude in das Leben der anderen und es ist das wertvollste im Leben Freude zu geben und zu teilen.“
Und die Speisen halten unseren Leib zusammen. Ein wohlschmeckendes Gericht, das Gefühl gut gegessen zu haben vermag unsere Sinne zu betören und spendet uns Energie für unsere Aufgaben. Gute Gewürze anstatt von Rattenschwänzen!

Lasst uns nun das tun, was wir Hexen am besten können sollten: die Menschen verzaubern mit unserem Wesen“.

Es war still in der Runde. Selbst die Oberhexe Lucia gab sich kleinlaut und nachdenklich. Die Hexe Katja hat ihre Ansprache an ihre Hexenfreundinnen kaum beendet, da meldete sich die erste aus dem Kreise zu Wort, mit ungewöhnlich sanfter Stimme, anstatt schrillem Gekreische: „Ich flieg mal nach Hause und hol meinen Spiegel aus dem Keller um das Schöne in mir zu entdecken“. Sogleich meldet sich die zweite: „Ich kenne jemanden der meine Hilfe braucht. Ich fliege geschwind hin und mache ihr eine Freude“. Dann die Dritte:“ Ich sammle sofort frische Gewürze für mein Hexenmahl“. Und dann die vierte. Dann die fünfte. Und so war innerhalb von Minuten die Lichtung leer und selbst der fliegende Besen der Chefhexin Lucia konnte nicht schnell genug abheben.

Da stand sie nun die Hexe Katja, ganz alleine. Und ihre Schönheit, ihr Sanftmut und ihre innere Freude verzauberte nicht nur die Menschen. Schliesslich erhob sich auch ihr Besen und wieder verblasste der Mond ob ihres Leuchtens.

Peter, Hallo Peter.“ Eine wahrlich liebliche Stimme riss mich aus meinen Gedanken. „Träumst du schon am helllichten Tage?“ Was hättest du gerne? Einen Kaffee?“ Es war Katja, die Wirtin des kleinen Grottos hier im Dorf. „Katja, sagte ich ganz aufgeregt, du weisst gar nicht was ich eben…….“

Da formte Katja ihren Mund zu einem unglaublich sympathischen Lächeln und ihre Augen funkelten wie ich es noch nie gesehen hatte. Dann legte sie einen Finger auf meine Lippen und flüsterte: „Nichts sagen. Ich weiss. Ich habe dich im Wald gesehen“.

Und von da an wusste ich, es gibt sie. Sie sind mitten unter uns. Aber gleichgültig wie die anderen Hexen auch sein mögen. Ich kenne die schönste, charmanteste und liebenswerteste von allen Hexen: Katja.